Syrische Professorin plant in Dresden den Wiederaufbau Aleppos - dank DDc Welcome Center

Die syrische Städteplanerin Fatina Kourdi floh vor fünf Jahren mit ihrer Familie aus Aleppo und landete in Dresden, wo sie einst als Architektin promovierte. Jetzt forscht und lehrt sie in der Elbestadt wieder als Gastprofessorin. Eines ihrer Projekte: der Wiederaufbau ihrer zerstörten Heimatstadt.

TUD

Frau Prof. Kourdi

Artikel von Adina Rieckmann

Erschienen in der DNN am 20.02.2019

"Sie sagt, sie sei ein glücklicher Mensch. Sie sei zufrieden mit ihrem Leben, so wie es jetzt ist. Fatina Kourdi floh vor fünf Jahren mit ihrer Familie aus Aleppo, erst in die Türkei, dann nach Deutschland. Jetzt sitzt sie in einem Zimmer in Dresden, trinkt starken Kaffee, zuckt mit den Schultern und wiederholt: „Ich bin glücklich mit meinem Leben. Ich klage nicht. Schauen Sie sich um, ich habe alles, was ich zum Leben brauche. Familie, Freunde, Arbeit, Wohnung, in dieser Reihenfolge.“

Fatina Kourda sagt aber auch: „Wir haben von Null wieder angefangen – das zweite Mal bereits Das ist nicht einfach, kurz vor dem 60. Lebensjahr.“ Aber, das sagt sie auch noch, sie seien keine Ausnahme, weder sie, noch ihr Mann, ihre beiden Söhne. Es gebe viele Syrer, die in diesen Zeiten von vorne anfangen müssen, was solle das Jammern. Davon werde es auch nicht einfacher.

Fatina Kourdi kehrte zurück

Fatina Kourdi hat es vielleicht etwas einfacher. Sie ist nicht in irgendeine Stadt gekommen. Sie ist zurückkehrt. Die Architektin promovierte 1989 an der TU Dresden. Als Gastprofessorin forscht und lehrt sie nun wieder hier – seit 2017 an der Fakultät Architektur, zuerst als DRESDEN Senior Fellow, dann im Eleonore-Trefftz-Gastprofessorinnenprogramm, nun dank des Stipendiums der Philipp Schwartz Initiative.

Die Syrerin ist dankbar für die vielen Chancen, hier in Dresden ruhig und sicher weiter forschen zu können: „Ich wurde sofort offen empfangen an der Uni. Das kann ich nie vergessen, dass diese Universität mich so unterstützt, mir eine solche zweite Heimat ist.“

Sicherheit für sich, ihren Mann, ihre beiden Söhne

Ihre alte Heimat gibt es so nicht mehr. Aleppo liegt seit 2013 in Trümmern. Nachdem auch die Wohnung zerstört wurde, suchte Fatina Kourdi Sicherheit für sich, ihren Mann, ihre beiden Söhne. Das Stipendium der Philipp Schwartz Initiative schafft ihr nun Perspektive für mindestens zwei Jahre.

Claudia Reichert vom DRESDEN-concept Welcome Center der TU Dresden erklärt die Bedingungen für das Stipendium: „Momentan haben wir zwei Stipendiaten. Sie alle haben einen Doktorgrad. Natürlich muss eine Gefährdung vorliegen. Die wiederum muss von einer unabhängigen Initiative auch als Gefährdung eingestuft werden. Dann brauchen die Stipendiaten einen Betreuer und einen Arbeitsplatz in der Institution, die die Förderung beantragt.“ An all das hänge ein erheblicher bürokratischer Aufwand, sagt Claudia Reichert noch, aber die Universität kämpfe um jeden einzelnen.

Strategien und Modelle für den Wiederaufbau Aleppos

Fatina Kourdi arbeitete in Syrien als Städteplanerin. Nun kann sie ihre schon in der Heimat und in der Türkei begonnenen städteplanerischen Projekte fortsetzen. Sie entwickelt gemeinsam mit Studierenden Strategien und Modelle für den Wiederaufbau ihrer zerstörten Heimatstadt.

„Rebuild Aleppo“ heißt das jüngste Projekt. Hier geht es um die selbst gebauten Barackenstädte und Squattersiedlungen – sogenannte informelle Siedlungen. Auf sich gestellt suchen die Menschen in Aleppoungenutzte Flächen und bauen, so gut es geht, ihre Häuser und Gemeinschaften selbst.

Fatina Kourdi begreift diese informellen Siedlungen nicht als Problem, sondern als Lösung. „Nicht nur für die Menschen in Aleppo“, sagt sie und weiter: „Überall wo Kriege geführt werden, Städte zerstört werden, tauchen diese Siedlungen auf. Man muss diese Lebensräume neu begreifen, als Chance für die Wohnungssuchenden.“ In Aleppo lebe jetzt fast die Hälfte der Bevölkerung dort, dort entwickle sich neues urbanes Leben. Das sei eine spannende Aufgabe für sie als Städteplanerin. Aber auch für ihre Studenten.

Die Arbeit gibt ihr Hoffnung

Fatina Kourdi ist voller Lob für ihre Schützlinge. Auch weil ihr die Arbeit mit ihnen Hoffnung gibt. Sie seien so fleißig, so engagiert. Sie habe manchmal das Gefühl, sie arbeite mit syrischen Studenten: „Sie denken sich richtig in Aleppo hinein. Das ist unglaublich. Diese Kinder kennen keinen Krieg und sie planen eine neue lebenswerte Stadt, mein Aleppo.“

Die Städteplanerin erzählt noch von einem anderen Forschungsthema. Hier gehe es um die Aufwertung eines schwierigen Stadtteils in Dresden: „Gorbitz liegt mir wirklich am Herzen. Wissen Sie, das ist auch mein ganz persönliches Integrationsprojekt. Die Aufwertung von Gorbitz ist nicht so weit weg von meinem eigentlichen Thema.“ In beiden Fällen gehe es um die soziale Atmosphäre, erzählt sie weiter, um die Möglichkeiten, die ein Stadtteil für friedliches und nachbarschaftliches Miteinander biete.

Nichtstun sei keine Lösung

Fatima Kourdi lebt in Dresden in einem Haus, in dem die Nachbarn sich kennen und wertschätzen, das mache sie sehr glücklich. Auch dass ihre Söhne ihren Weg zielstrebig gehen würden. Sie studieren an der gleichen Universität, an der sie lehrt, Medizin.

Ihr Mann, ein Arzt, bereite sich gerade auf die Deutschprüfung vor. Auch er möchte wieder in seinem Beruf arbeiten. Er werde es schaffen, sagt sie, auch wenn es ihm schwer falle. Er müsse da eben durch. Denn Nichtstun sei keine Lösung. Man sei schon selber für sein Glück verantwortlich. Das betont sie mehrfach.

Fatina Kourdi möchte eines Tages wieder nach Syrien zurückgehen. Als Stadtplanerin werde sie dort – mehr denn je – gebraucht. Jetzt aber sitzt sie erstmal hier in ihrer kleinen Dresdner Wohnung, trinkt ihren starken Kaffee und ruht sich aus. Der Weg von Aleppo über die Türkei nach Dresden – er war ganz schön lang. 

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